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Ein herrlicher Tag im September! – Exkursion ins Steinheimer Becken – Beobachtungen an der Kraterzone und die Pflanzenwelt im Steinheimer Ried

Quer durch die Ostalb zieht sich das „Schwäbische Lineament“, entlang des Neckars vom Schwarzwald bis fast nach Aalen bzw. zum Nördlinger Ries.

Wir bilden Fahrgemeinschaften und freuen uns auf Burgstall. Der Burgstall befindet sich unmittelbar südlich von Sontheim im Stubental und unmittelbar nördlich der B 466 (Heidenheim – Göppingen). Angekommen am Burgstall, in der Krater-Randzone bei Steinheim am Albuch, die vor 15 Millionen Jahren entstanden ist, bestaunen wir den Felskoloss. Zum Vergleich: die Saurier lebten vor 150 Millionen Jahren (in der Jurazeit. Damals wurde das Weißjuragestein der Alb abgelagert).
Durch den Einschlag des Riesenmeteorits ist die Grundstruktur des Gesteins, einer „Schichtung“, einfach weg. Durch die Wucht des Einschlags zerbrochen und „zerschert“, nicht mehr erkennbar.
Warum liegt trotzdem kompakter Fels vor unseren Augen? Weil der durch den Einschlag entstandene Gesteinsstaub leicht gelöst werden kann und durch den Regen (Lösung des feinen Staubes und Wieder-Ausfällung in tieferen Bereichen) alles wieder zu „Kalkstein“ zusammenzementiert wurde.
Das Gestein wird „Einschlagbrekzie des Steinheimer Beckens“ oder auch „Schollenbrekzie“ genannt. Ein unverzichtbares Inselwissen für Ausflüge!!

Dazu muss man wissen, dass ein Meteorit ab 10 Tonnen ungebremst durch die Atmosphäre fällt, wogegen Sternschnuppen sehr kleine Meteoriten sind und komplett verglühen.

Beim Einschlag dieses Riesenmeteors wurde Material bis zur Stratosphäre hinauf katapultiert – kam aber auch wieder runter. So entstand die „Rückfallbrekzie“ an der Zentralstelle. Dort bildete sich ein kleiner Hügel, direkt in der Mitte des Kraters. Dieser ist heute noch sehr gut sichtbar. Der Vorgang lässt sich so beschreiben:
Beim Einschlag werden Gesteinsschollen beiseitegeschoben, nach unten gedrückt und federn wieder zurück, der braune Jura wird „hochgesaugt“, zerschert und teilweise senkrecht gestellt.
Warum wissen wir das so genau? Der Nachweis gelang (erst) in den 70er Jahren durch Fund von Strahlenkalken (Diese sind nie vulkanisch, sondern stammen von Meteoriteneinschlägen) und mit Tiefenbohrungen. Zerstörungsstrukturen nehmen in der Tiefe ab, also liegt kein Vulkan vor, sondern ein Einschlagkrater. Hochdruckmodifikationen kommen nur im Ries vor!
Nach solch einem katastrophalen Anfang bildete sich ein See. Jahrmillionen existierte er. Seesedimente bilden reiche Fauna und Flora, Schilfgürtel (Miozän-Flora ist entfernt ähnlich heutiger Pflanzen), Tiere, Fische, Schnecken, die heute noch auffindbar sind. Unter den Säugetieren sind Gabelhirsche, Elefanten-Verwandte, ein Nashorn, Bärenhund… Im See viele Fische und in den sogenannten Schneckensanden Milliarden von kleinen Schnecken („Gyraulus“-Sande, früher Fege-Sande – wurden abgebaut). Anhand dieser Schnecken lieferte der aus Steinheim gebürtige Franz Hilgendorf 1878 den weltweit ersten echten Beweis für die Evolutionstheorie von Charles Darwin.
Auf dem Zentralhügel bestaunten wir danach den 8 m hohen „Wäldlesfels“, letzter Rest von rund 20 großen Algenkalkfelsen, die den Zentralhügel einst kranzförmig umringten.

Ein Besuch im Meteorkrater-Museum in Sontheim gibt Antworten auf viele Fragen und ist sehr zu empfehlen. Also waren wir dort! Schauten einen Film, der nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand der Forschung ist, aber eine gute Einführung bietet. Das kleine feine Museum lässt uns 15 Millionen Jahre zurückschauen und mächtig staunen. Es gibt Strahlenkalke zum Anfassen oder die Abbildung eines marderartigen Tieres mit Knackgebiss, des Trochotheriums (ernährte sich von den schalentragenden Schnecken) oder die oberen und unteren Stroßzähne eines Mastodonten zu bewundern. Der damalige Kratersee lies eine exotische Organismenvielfalt entstehen.
Der Wentalfluss hat ein Becken ausgeräumt und ab dem Pliozän im Eiszeitalter entstand das Stubental. Dieses machte einen Bogen ums Steinheimer Becken. Das Wasser orientierte sich an der Grenze zur harten, wieder verkitteten Weißjura-Brekzie des Kraterrandes und entwässert zur Brenz bei Heidenheim. Ein Fluss auf der Alb? Ja! Heute ist dieser verschwunden, aber damals war die Alb noch nicht so verkarstet.
Kuriose Information am Rande: Im Miozän war die Nordseeküste bei Köln. Es gab mitten in Deutschland Tölpel. Dieser jagt, indem er aus großer Höhe ins Wasser herabstürzt. Es gab Triele, ein Küstenvogel- unglaublich. Sodele! Interessant? Ja, sehr, da Frank Haderer ein begnadeter Erzählbär ist.

Eine kleine Strecke wurde gewandert, um dann am Klosterberg (die Heimatstube hatte leider geschlossen) das mitgebrachte Vesper bei besten Wetterbedingungen zu vertilgen. Nach ein paar Schritten durch die typische Heidelandschaft mit Wachholderbüschen bestaunten wir noch die Pflanzenwelt. Wir entdeckten „mit der Nase am Boden“ im „Steinheimer Ried“, einem letzten Rest des verlandeten Kratersees, zunächst viel Verblühtes. Aber staunend fotografierten wir Wollgras, Spitzlappen-Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) oder sichteten das Echte Mädesüß (Filipendula ulmaria). An Hand von Ingrid Claß-Mahlers vorbereiteter Liste konnten die Pflanzen schnell eingekreist und bestimmt werden. Welch eine Freude, wenn wieder ein Blatt oder eine Blüte entdeckt wurde und einen „Namen“ bekam.

So viele Informationen machen Hunger. Auch darauf hat die Leitung des Tagesausflugs eine Antwort: „Pizzeria“.
So konnten viele Sinne angesprochen werden. Genuss für jeden, der gerne mehr wissen will, der gerne mit netten Menschen unterwegs sein will, der gerne unter freiem Himmel vespert, der gerne hinter/unter Pflanzen und Landschaft schauen möchte.
Uns hat’s gefallen.

(Autorin und Autor dieses Berichtes: IG + FH)

Einige Photos von dieser Exkursion:

Einschlagbrekzie Burgstall

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Detail der Einschlagbrekzie Burgstall

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Blick von der Brekzie Burgstall auf den Zentralhügel des Einschlagkraters hinter Sontheim

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Betrachtung der Schneckensande nahe Sontheim

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Letzter Algenkalkfelsen

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Heimatstube am Klosterberg

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Meteorkrater-Museum Sontheim
Trochotherium

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Meteorkrater-Museum Sontheim

Mastodont

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Spitzlappen-Frauenmantel

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]

Echtes Mädesüß

[Bildquelle: I. Günthner, ENV]